Delilah und Simson                                                                                                                                    

2012-2013  (Eukalyptus, Fichte, Acrylfarbe)

                                                                                                                                                                         

 

n meiner Skulptur zeige ich einen schlafenden, körperlich nicht besonders starken Mann der in eine Haardecke eingesunken auf der Seite liegt. Vielleicht träumt oder schläft er.

Hinter ihm sitz, im Nackenbereich, eine Frau. Ihre Augen sind offen. Wie eine Landschaft überblickt sie den Mann und die sie beide umgebende Haardecke. Schaut irgendwo in die Ferne.

Die Figuren sind räumlich nah, aber innerlich weit voneinander entfernt.

 

In der tragischen, biblischen Geschichte aus dem Richterbuch (Kapitel 16) hat der Richter Simson übermenschliche Kräfte, weil er Gott geweiht ist und weil er das Geheimnis mit sich trägt, dass niemals seine Haare geschnitten werden dürfen.

Sein Auftrag war es, sein Volk vor der Unterdrückermacht zu befreien. Simson verliebt sich aber immer in Frauen aus dem Volk seiner Feinde. Diese Frauen lassen sich jedes Mal von ihren Leuten drängen, Simson zu verraten. Die letzte Frau die erwähnt wird, ist Delilah. Sie lässt sich mit sehr viel Silber bestechen. Zu Simson sagt sie: „Du liebst mich nicht! Du verrätst mir nicht dein Geheimnis!“ Trotz vorheriger Enttäuschung hält Simson es schließlich nicht mehr aus und bricht sein Geheimnis. Delilah schneidet ihm seine Haare ab, wahrscheinlich wird sie reich. Später wird nicht mehr von ihr berichtet. Simson werden die Augen geblendet, unter Spott wird er Sklave. Zum Ende der Geschichte ist sein Haar wieder gewachsen, der Blinde bekommt noch einmal Kraft und bringt viele seiner Feinde und sich selbst dabei um.

 

Nach der textlichen und kunsthistorischen Auseinandersetzung zu dem Thema interessierte mich zu Beginn die Hoffnung für Simson-

Wie er in der Geschichte versagt, seine Kraft verliert, sie aber später wieder bekommt.

Davon ist ein kleines Zeichen in der jetzigen Arbeit, in der Delilah präsenter ist,  geblieben- Simsons Hände.                             

Die eine ist offen und lässt los. Die andere  als Faust  für seine, in dem Moment noch vorhandene oder später wiederkehrende, Kraft.

 

Im Gegensatz zu den Barockdarstellungen von Rubens, Rembrandt, Artus Quellinus dem  Älteren oder den Gemälden zudiesem Thema von Max Liebermann, zeige ich nicht die Kraft Simsons oder die Erotik von Delilah. Auch interessiert mich nicht eine wertende Darstellung von Simsons Unberechenbarkeit und Versagen oder Delilahs Verführung und Hinterlist.

Mir geht es um den Zwiespalt, die Kippe auf denen sich die beiden Figuren befinden,bevor die große Katastrophe kommt,

aber noch ist alles offen.                                                 

Viel Muskeln, Schmuck, Lippenstift, sexy Outfit, Geld, Soldaten, Prunkbett, laute Dramatik entfallen.                                                 

Ich benutze lediglich die Komposition und Körperhaltungen der Figuren, sowie die starke Symbolik der Haare, die in dieser Geschichte eine tragende Rolle spielen.                                                                                                                                           

Durch die einheitliche Farbe und Struktur der Haare von Simson und Delilah,  die im zusammengesetzten Untergrund ineinander übergehen, verbinde ich die mit sich selbst beschäftigten und aus verschiedenen Holzteilen gefertigten Figuren.

 

„Meine Delilah“ beschäftigt sich nicht, wie in den meisten Darstellungen, mit Simsons Haar, sondern mit ihrem eigenen.                   

Hier braucht sie kein Messer, kein Schwert, keine Schere. Sie ist sich über die Kraft ihrer Haare bewusst, die sie in ihren Händen hält und es ist unentschieden wie sie diese Macht einsetzen wird.

 

 

Eva Naomi Watanabe Januar 2014